Ein Artikel über Selbstführung, innere Klarheit und Begleitung für Pferdemenschen.
Kintsugi – Das Gold in den Bruchstellen mit deinem Pferd
In Japan gibt es eine jahrhundertealte Tradition namens Kintsugi, bei der zerbrochene Gefäße nicht entsorgt, sondern mit Gold repariert werden. Die Bruchstellen bleiben sichtbar, sie werden weder versteckt noch übermalt, sondern bewusst hervorgehoben, als Teil der Geschichte, die dieses Stück in sich trägt. Was beschädigt wurde, verliert dadurch nicht an Würde – es gewinnt eine andere Form von Wert.
Dieser Gedanke begleitet mich immer wieder, wenn ich an die Beziehung zwischen Mensch und Pferd denke, insbesondere dann, wenn etwas ins Wanken gerät. Wenn ein Pferd sich verändert, körperlich sensibler wird oder im Verhalten feiner reagiert, beginnt meist ein Prozess der Suche. Man prüft, organisiert, wägt ab, entscheidet. Verantwortung will getragen werden, und sie wird getragen – oft mit großer Hingabe.
Gleichzeitig geschieht etwas Zweites, das leiser ist und nicht immer sofort benannt werden kann. Neben der äußeren Klärung entsteht eine innere Bewegung. Fragen tauchen auf, Unsicherheiten mischen sich hinein, manchmal auch Erschöpfung oder Zweifel. Viele Frauen erleben diesen Prozess sehr bewusst und sprechen dennoch selten darüber, weil sie gewohnt sind, stabil zu bleiben, Lösungen zu finden und Fürsorge selbstverständlich zu übernehmen.
Pferde reagieren nicht auf unsere Gedanken, wohl aber auf unsere innere Verfassung. Sie stehen mit uns in einem gemeinsamen Feld von Beziehung, in dem Spannung, Unruhe oder Klarheit spürbar werden. Das bedeutet keine Schuldzuweisung und keine einfache Erklärung für komplexe Prozesse, sondern verweist auf eine tiefere Ebene von Resonanz. Manchmal zeigt sich im Symptom des Pferdes auch eine Stelle im Menschen, die lange gehalten, übergangen oder funktional überdeckt wurde.
Resilienz verstehe ich in diesem Zusammenhang nicht als Durchhaltevermögen oder als Fähigkeit, Belastungen möglichst unberührt zu überstehen. Sie entsteht vielmehr dort, wo Brüche nicht geleugnet werden müssen, wo Ambivalenz ausgehalten werden darf und wo sich innere Klarheit langsam formt. Ein Riss im Leben markiert nicht zwangsläufig ein Scheitern, sondern oft einen Übergang, der Integration verlangt.
Meine Begleitung für Pferdemenschen ist aus genau diesen Erfahrungen gewachsen. Sie richtet den Blick nicht primär auf das Pferd als Objekt der Optimierung, sondern auf den Menschen in seiner Verantwortung, in seiner Beziehung und in seiner inneren Führung. Wenn sich Entscheidungen schwer anfühlen oder wenn zwischen Sorge und Pflichtgefühl kaum noch Raum für die eigene Wahrnehmung bleibt, entsteht Bedarf nach einem Gegenüber, das Orientierung ermöglicht, ohne vorschnelle Lösungen zu liefern.
Kintsugi erinnert daran, dass ein Bruch nicht unsichtbar gemacht werden muss, um Ganzheit wiederzufinden. Die Spur bleibt, doch sie wird Teil einer neuen Stabilität. Vielleicht liegt genau darin die Form von Resilienz, die im Zusammensein mit Pferden wächst – eine, die nicht auf Perfektion zielt, sondern auf Bewusstheit und innere Aufrichtung.
Wenn dich dieser Gedanke berührt, findest du hier einen Raum, in dem du deine Fragen sortieren und deine eigene Position wieder klarer wahrnehmen kannst. Nicht um Kontrolle über jedes Detail zu gewinnen, sondern um Vertrauen in deinen inneren Kompass zu stärken.
